top of page

Functional Freeze bei Frauen: Wenn du tagsüber alles trägst und abends nichts mehr kannst

  • Autorenbild: Andrea Kampermann
    Andrea Kampermann
  • 25. Juli 2024
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 17. Aug.

Morgens stehst du auf.


Du machst Frühstück. Denkst daran, was heute alles ansteht. Arbeitest. Sitzt in Calls. Beantwortest Nachrichten.

Vielleicht führst du ein Unternehmen oder ein Team.

Vielleicht arbeitest du mit Menschen.

Vielleicht holst du nachmittags dein Kind ab und denkst währenddessen schon daran, was noch eingekauft werden muss.


Du erinnerst dich an den Geburtstag am Wochenende.

An die Mail, die du noch beantworten musst.

An den Termin, den jemand anderes vergessen würde, wenn du nicht daran denkst.


Du funktionierst.

Vielleicht sogar ziemlich gut.


Und dann ist Abend.

Jemand fragt dich:

„Was möchtest du essen?“

Und selbst diese Frage ist zu viel.



Niemand würde dich ansehen und denken: Freeze

Du liegst auf dem Sofa.


Die Freundin, der du seit drei Tagen antworten möchtest, bleibt wieder unbeantwortet.

Sport? Keine Chance.

Kochen? Zu viel.

Sex? Bitte nicht.

Das Buch, das du eigentlich lesen wolltest, liegt neben dir.

Stattdessen scrollst du.

Netflix läuft.

Vielleicht brauchst du Schokolade, Chips oder irgendetwas, das schnell verfügbar ist und keine weitere Entscheidung verlangt.


Vor allem möchtest du eines:

Dass heute niemand mehr etwas von dir braucht.

Und morgen?

Morgen stehst du wieder auf.

Und funktionierst.


Dieses Erleben kann sich bei manchen Menschen im Zusammenhang mit einem Functional Freeze, einem funktionalen Erstarrungszustand, zeigen.



Was ist Functional Freeze?

Bei Freeze denken wir häufig an völlige Erstarrung.

Nicht sprechen können.

Nicht handeln können.

Wie eingefroren sein.


Doch Schutzreaktionen sind komplexer.

Beim sogenannten Functional Freeze bleibt ein erstaunlicher Teil der äußeren Funktionsfähigkeit erhalten.


Du arbeitest.

Du erledigst Aufgaben.

Du kannst Entscheidungen treffen.

Du erscheinst zu Terminen.

Vielleicht bist du sogar ausgesprochen leistungsfähig.


Und genau deshalb kann dieser Zustand so schwer zu erkennen sein.

Unsere Gesellschaft stellt schließlich selten die Frage:

Wie fühlt sich dein Funktionieren in deinem Körper an?

Sie fragt:

Funktionierst du noch?

Solange die Antwort Ja lautet, fällt vieles nicht auf.



„Aber ich bekomme doch alles hin.“

Vielleicht ist genau das dein Argument gegen deine eigene Erschöpfung.


Du gehst schließlich arbeiten.

Du kümmerst dich um deine Familie.

Du schaffst deine Deadlines.

Andere haben viel mehr Stress.

Also kann es so schlimm nicht sein.


Doch Funktionsfähigkeit und innere Kapazität sind nicht dasselbe.


Eine interessantere Frage lautet:

Was kostet dich das alles?


Wie viel von dir ist am Abend noch verfügbar?

Nicht für Leistung.

Für dich.

Für Genuss.

Für Nähe.

Für Kreativität.

Für ein Gespräch, das keinen Zweck erfüllt.

Für Lust.

Für Spielen.

Für das Leben, das nach der To-do-Liste eigentlich noch kommen sollte.



Gerade bei Frauen kann Funktionieren sehr lange unsichtbar bleiben

Viele Frauen tragen nicht nur sichtbare Aufgaben.

Sie halten Informationen.

Sie antizipieren.

Sie erinnern.

Sie spüren Stimmungen.

Sie organisieren soziale Beziehungen.

Sie merken, wenn jemand etwas braucht.


Und häufig läuft all das neben der eigentlichen Arbeit weiter.

Dazu kommt eine Sozialisation, in der Verlässlichkeit, Fürsorge und Anpassungsfähigkeit bei Mädchen und Frauen häufig stark verstärkt werden.


Du kannst deshalb sehr erschöpft sein und trotzdem noch hervorragend darin funktionieren, für andere verfügbar zu sein.


Das Spannende passiert manchmal erst, wenn niemand mehr zusieht.

Wenn du nach Hause kommst.

Wenn die Tür zugeht.

Wenn keine Leistung mehr verlangt wird.

Dann fällt die Mobilisierung weg.

Und plötzlich merkst du, wie wenig noch übrig ist.



Gas und Bremse gleichzeitig

Ein hilfreiches Bild für bestimmte Formen von Functional Freeze ist:

Du stehst gleichzeitig auf Gas und Bremse.


Da ist genug Mobilisierung, um weiterzumachen.

Und gleichzeitig etwas, das bereits in Richtung Rückzug und Erstarrung geht.

Das kann sich merkwürdig anfühlen.

Du bist beschäftigt, aber nicht wirklich lebendig.

Du erledigst Dinge, aber spürst dich dabei kaum.

Du möchtest eine Pause, kannst in der Pause jedoch nicht wirklich landen.

Vielleicht greifst du sofort zum Handy.

Oder du bist so erschöpft, dass nur noch passiver Input möglich ist.



Und was passiert während deines Zyklus?

Hier lohnt sich bei Frauen eine weitere Beobachtung.


Nicht, um jedes Symptom mit Hormonen oder Nervensystemzuständen zu erklären.

Sondern um deinen Körper differenzierter kennenzulernen.


Was passiert mit deinem Funktionieren in der zweiten Zyklushälfte?

Was passiert während deiner Blutung?

Kannst du deine Anforderungen verändern, wenn dein Körper Rückzug möchte?

Oder hältst du jeden Tag dasselbe Pensum aufrecht – bis dein Körper irgendwann selbst die Bremse zieht?


Vielleicht zeigt dir dein Zyklus nicht, dass etwas mit dir falsch ist.

Vielleicht macht er an manchen Tagen lediglich deutlicher sichtbar, was du den Rest des Monats noch übergehen kannst.



Der Abend ist nicht unbedingt der Anfang des Problems

Wenn du regelmäßig abends zusammenbrichst, liegt der interessanteste Moment vielleicht Stunden früher.


Wann hast du zum ersten Mal bemerkt, dass du müde bist?

Wann hattest du Hunger?

Wann wolltest du eigentlich fünf Minuten allein sein?

Wann hast du bemerkt, dass ein Gespräch zu viel wird?

Wann hast du gedacht: „Ich mache nur noch schnell …“?


Und wie oft hast du weitergemacht?

Nicht weil du dumm bist.

Nicht weil du deinen Körper nicht verstanden hast.


Vielleicht weil Weitermachen irgendwann die vertrauteste Form von Sicherheit geworden ist.



Die 5 % vor dem Zusammenbruch

Wenn dein System seit Jahren über Funktionieren organisiert ist, braucht es wahrscheinlich keine neue radikale Morgenroutine.


Vielleicht beginnt Veränderung fünf Prozent früher.

Du bleibst nach dem Call drei Minuten sitzen.

Du isst, wenn du den ersten Hunger bemerkst.

Du beantwortest die Nachricht morgen.

Du gehst während deiner Blutung früher ins Bett, obwohl du theoretisch noch arbeiten könntest.

Du lässt jemanden anderen entscheiden, was es zum Abendessen gibt.


Du bemerkst:

Ich könnte weitermachen. Aber ich muss nicht.


Das klingt klein.

Für ein System, das gelernt hat, dass Sicherheit im Funktionieren liegt, kann genau das eine neue Erfahrung sein.


Und vielleicht besteht die Veränderung irgendwann darin, dass du am Abend nicht nur noch genug Kapazität hast, um dich von deinem Tag zu erholen.

Sondern noch genug von dir da ist, um dein Leben zu erleben.



Functional Freeze ist nur eine mögliche Schutzbewegung.

Finde heraus, was dein System macht, wenn etwas zu viel, unsicher oder wirklich wichtig wird.→ Zum kostenlosen Nervensystem-Test

 
 
 

Kommentare


bottom of page