Nervensystem regulieren als Frau: Warum „ruhiger werden“ zu kurz greift
- Andrea Kampermann
- 25. Juli 2024
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 13 Stunden
Vielleicht weißt du längst, was deinem Nervensystem guttut.
Du meditierst. Du atmest. Du gehst spazieren. Du kennst Grounding-Übungen und weißt, dass Schlaf, Pausen und weniger Bildschirmzeit vermutlich eine gute Idee wären.
Und trotzdem beantwortest du noch schnell die Nachricht, obwohl du eigentlich ins Bett wolltest.
Du merkst beim Abendessen zuerst, was alle anderen brauchen, bevor du bemerkst, dass du selbst seit Stunden hungrig bist.
Du willst Nein sagen und hörst dich im selben Moment erklären.
Du hast endlich einen freien Nachmittag – und statt Erleichterung entsteht Unruhe.
Vielleicht liegt das Problem gar nicht darin, dass du noch nicht gut genug weißt, wie man ein Nervensystem reguliert.
Vielleicht müssen wir vorher eine andere Frage stellen:
Was hat dein Nervensystem eigentlich gelernt, tun zu müssen, damit du sicher bist und in Verbindung bleibst?
Das Nervensystem einer Frau existiert nicht im luftleeren Raum
Wenn wir über Nervensystemregulation sprechen, wird häufig so getan, als wäre Regulation eine rein individuelle Fähigkeit.
Da ist dein Körper. Da ist Stress. Und jetzt lernst du ein paar Werkzeuge, damit dein Körper wieder herunterfährt.
Für die Arbeit mit Frauen ist mir das zu wenig.
Denn viele Frauen haben nicht einfach gelernt, Stress „auszuhalten“.
Sie haben gelernt, andere Menschen zu lesen.
Stimmungen früh zu bemerken.
Verlässlich zu sein.
Angenehm zu bleiben.
Bedürfnisse zurückzustellen.
Beziehungen zu halten.
Weiterzumachen.
Das kann so selbstverständlich werden, dass es sich irgendwann nicht mehr wie Anpassung anfühlt.
Es fühlt sich an wie Persönlichkeit.
„So bin ich eben.“
Vielleicht bist du eben die, die alles im Blick hat.
Die, die noch schnell hilft.
Die, die keinen Konflikt möchte.
Die, die funktioniert.
Und genau deshalb können Schutzreaktionen bei Frauen erstaunlich unauffällig aussehen.
Schutz sieht nicht immer nach Angst aus
Manchmal zieht dein System die Bremse.
Du willst etwas sagen – und wirst still.
Du möchtest dich zeigen – und schiebst es auf.
Du kennst deine Grenze – und plötzlich bist du dir doch nicht mehr sicher.
Manchmal passiert das Gegenteil.
Du wirst schneller.
Du organisierst.
Du optimierst.
Du arbeitest noch mehr.
Du überarbeitest etwas, das eigentlich längst fertig war.
Und manchmal funktionierst du einfach weiter.
Professionell. Freundlich. Verlässlich.
Während du deinen eigenen Körper immer weniger wahrnimmst.
All diese Reaktionen können von außen vollkommen unterschiedlich aussehen.
Mich interessiert deshalb weniger die Frage:
„Welches Verhalten muss weg?“
Mich interessiert der Moment davor.
Was passiert kurz bevor du dich verlässt?
Nimm einen ganz konkreten Moment.
Du möchtest Nein sagen.
Du möchtest einen Preis nennen.
Du möchtest jemanden um Hilfe bitten.
Du möchtest einen Nachmittag nichts tun.
Du möchtest etwas veröffentlichen, das dir wirklich wichtig ist.
Und dann passiert etwas.
Vielleicht wird deine Brust eng.
Dein Bauch zieht sich zusammen.
Du spürst Hitze.
Dein Atem wird flacher.
Du wirst plötzlich müde.
Oder es entsteht ein enormer Drang, jetzt sofort etwas zu tun.
Kurz darauf kommt der Gedanke:
„Vielleicht übertreibe ich.“
„Ich kann das schnell noch selbst machen.“
„Eigentlich ist es gar nicht so schlimm.“
„Ich sollte das noch einmal überarbeiten.“
„Vielleicht ist jetzt einfach nicht der richtige Zeitpunkt.“
Diese Gedanken fühlen sich oft wie rationale Entscheidungen an.
Manchmal sind sie das.
Und manchmal geben sie einem Schutzprozess, der längst im Körper begonnen hat, nachträglich eine plausible Geschichte.
Nervensystem regulieren bedeutet nicht, immer ruhig zu sein
Ein reguliertes Nervensystem ist kein Nervensystem, das permanent entspannt ist.
Dein Körper ist dafür gemacht, sich zu bewegen.
Du brauchst Mobilisierung, um eine Grenze zu setzen.
Energie, um sichtbar zu werden.
Aktivierung, wenn du etwas Neues wagst.
Du darfst aufgeregt sein.
Du darfst wütend sein.
Du darfst Lust spüren.
Du darfst laut sein.
Du darfst müde sein und dich zurückziehen wollen.
Für mich lautet die entscheidende Frage deshalb nicht:
Wie schnell kann ich mich wieder beruhigen?
Sondern:
Wie viel von meinem Leben kann ich erleben, ohne mich dabei verlassen zu müssen?
Kannst du aktiviert sein und dich trotzdem spüren?
Kannst du ein Nein aussprechen und die Reaktion deines Gegenübers aushalten?
Kannst du etwas wollen, ohne deinen Wunsch sofort kleiner zu machen?
Kannst du Erfolg erleben, ohne direkt die nächste Aufgabe zu suchen?
Kannst du ruhen, bevor dein Körper dich dazu zwingt?
Das ist Kapazität.
Und dann gibt es noch den weiblichen Körper selbst
Auch der Körper einer Frau ist nicht jeden Tag derselbe.
Energie, Schlaf, Stresssensitivität, Bedürfnisse und Körperwahrnehmung können sich im Verlauf des Zyklus und in unterschiedlichen Lebensphasen verändern.
Das bedeutet nicht, dass jede Erschöpfung „der Zyklus“ ist.
Und es bedeutet genauso wenig, dass jede Veränderung ein Zeichen von Dysregulation ist.
Es bedeutet, dass wir aufhören dürfen, einen weiblichen Körper an der Vorstellung zu messen, er müsse jeden Tag gleich verfügbar und leistungsfähig sein.
Vielleicht brauchst du während deiner Blutung mehr Rückzug.
Vielleicht bemerkst du in bestimmten Phasen deutlicher, was dir zu viel ist.
Die interessante Frage lautet dann nicht sofort:
„Wie bekomme ich mich wieder auf mein normales Level?“
Vielleicht lautet sie:
„Was sagt mir mein Körper gerade?“
Eine kleine Übung für deinen Alltag
Beim nächsten Mal, wenn du bemerkst, dass du dich anpasst, zurückziehst, überfunktionierst oder plötzlich alles infrage stellst, versuche nicht sofort, dich zu regulieren.
Geh einen Moment zurück.
Was wollte ich unmittelbar davor?
Dann:
Was habe ich zuerst in meinem Körper bemerkt?
Welcher Impuls kam?
Welcher Gedanke folgte?
Und was habe ich anschließend getan?
Du musst daran zunächst nichts ändern.
Bemerke es.
Denn vielleicht beginnt Nervensystemregulation nicht damit, deinen Körper besser kontrollieren zu können.
Vielleicht beginnt sie damit, wieder mitzubekommen, wann du dich selbst verlässt.
Was passiert in deinem System in genau diesen Momenten?
In meinem kostenlosen Nervensystem-Test kannst du herausfinden, welche Schutzbewegung bei dir besonders häufig übernimmt.



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