Frauen somatisch begleiten: Was traumasensible Arbeit wirklich braucht
- Andrea Kampermann
- 22. Juli 2024
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 2 Tagen
Du kennst Fight, Flight, Freeze und Fawn.
Du kannst das Window of Tolerance erklären.
Du kennst Übungen für Orientierung, Atmung, Grounding und Regulation.
Und dann sitzt eine Frau vor dir.
Sie erzählt dir etwas Schmerzhaftes.
Währenddessen lächelt sie.
Du bemerkst, wie ihre Schultern sich verändern.
Ihre Stimme wird leiser.
Du fragst, wie es ihr gerade geht.
„Gut.“
Sie nickt.
„
Wir können weitermachen.“
Was tust du?
Für mich beginnt genau hier die eigentliche Kunst, Frauen somatisch zu begleiten.
Nervensystemwissen ist wichtig. Aber Wissen hält keinen Raum.
Eine fundierte somatische Ausbildung braucht Theorie.
Du solltest verstehen, wie Schutzreaktionen entstehen können.
Du solltest Aktivierung erkennen können.
Du brauchst Wissen über Bindung, Trauma und Nervensystem.
Aber irgendwann sitzt keine Theorie mehr vor dir.
Da sitzt eine Frau.
Und diese Frau passt möglicherweise in keine deiner Kategorien.
Vielleicht sagt sie Ja und ihr ganzer Körper sagt Nein.
Vielleicht lächelt sie, während sie von etwas Schmerzhaftem erzählt.
Vielleicht versteht sie deine Erklärung sofort, weil Verstehen eine ihrer sichersten Strategien ist.
Vielleicht macht sie jede Übung mit.
Sie kommt pünktlich.
Sie erledigt alles, was du ihr mitgibst.
Sie ist eine ausgesprochen angenehme Klientin.
Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem du besonders aufmerksam werden solltest.
Eine Frau kann auch in der Begleitung anfangen, sich anzupassen
Viele Frauen haben sehr früh gelernt, Beziehung zu lesen.
Was braucht mein Gegenüber?
Was wird von mir erwartet?
Wie bleibe ich angenehm?
Wie verhindere ich Konflikt?
Wie merke ich möglichst früh, wenn sich die Stimmung verändert?
Diese Fähigkeiten verschwinden nicht automatisch, sobald eine Frau einen Coaching-, Therapie- oder Begleitungsraum betritt.
Sie können mit hineinkommen.
Dann möchte sie vielleicht auch für dich eine „gute Klientin“ sein.
Sie spürt, dass du möchtest, dass sie in ihren Körper geht.
Also geht sie in ihren Körper.
Sie merkt, dass du glaubst, eine Übung könnte hilfreich sein.
Also macht sie weiter.
Und irgendwann besteht die Gefahr, dass wir Kooperation mit Sicherheit verwechseln.
„Spür mal hin“ ist nicht automatisch traumasensibel
Somatische Arbeit kann sehr subtil Druck erzeugen.
Gerade weil unsere Interventionen so sanft klingen.
„Bleib noch einen Moment dabei.“
„Wo spürst du das im Körper?“
„Atme einmal hinein.“
„Was möchte sich zeigen?“
Keine dieser Fragen ist grundsätzlich falsch.
Entscheidend ist der Kontext.
Hat die Frau gerade tatsächlich Wahl?
Kann sie sagen: „Ich weiß es nicht“?
Kann sie sagen: „Ich möchte nicht“?
Kann sie die Übung abbrechen?
Und vielleicht noch wichtiger:
Kannst du als Begleiterin damit sein, wenn sie es tut?
Dein Nervensystem sitzt ebenfalls im Raum
Das wird in Ausbildungen leicht vergessen.
Wir lernen sehr viel über die Klientin.
Doch eine somatische Begleitung besteht mindestens aus zwei Nervensystemen.
Was passiert in dir, wenn die Frau vor dir still wird?
Wirst du nervös?
Fängst du an, mehr Fragen zu stellen?
Möchtest du unbedingt helfen?
Was passiert, wenn sie weint?
Wenn sie wütend wird?
Wenn sie dir widerspricht?
Wenn sie sagt, dass deine Übung ihr nicht hilft?
Wenn eine Stunde endet und du das Gefühl hast, ihr seid „nirgendwo angekommen“?
Vielleicht greifst du dann schneller zur nächsten Technik.
Nicht unbedingt, weil deine Klientin sie braucht.
Vielleicht weil du Bewegung brauchst.
Deshalb gehört zur Fähigkeit, Frauen somatisch und traumasensibel zu begleiten, immer auch die eigene Verkörperung.
Traumasensibel bedeutet nicht: keine Aktivierung
Eine weitere Falle ist, Sicherheit mit permanenter Ruhe zu verwechseln.
Eine Frau muss in guter Begleitung nicht ständig entspannt sein.
Entwicklung kann aktivieren.
Ein klares Nein kann den Herzschlag beschleunigen.
Eine Grenze kann Angst auslösen.
Sichtbarkeit kann den ganzen Körper mobilisieren.
Nähe kann gleichzeitig wunderschön und beängstigend sein.
Ein lange zurückgehaltener Wunsch kann enorm viel Energie freisetzen.
Die Frage ist deshalb nicht:
Wie verhindere ich Aktivierung?
Sondern:
Kann diese Frau gerade noch bei sich bleiben, während Aktivierung da ist?
Hat sie Wahlmöglichkeiten?
Kann sie langsamer werden?
Kann sie aufhören?
Kann sie Kontakt aufnehmen und wieder lösen?
Kann sie bemerken, wann es genug ist?
Sicherheit ist dann kein Zustand, in dem nichts passiert.
Sicherheit wird zur Erfahrung:
Ich darf hier mitbestimmen, was mit mir passiert.
Frauenkörper brauchen einen weiblichen Kontext
Wenn wir Frauen somatisch begleiten, möchte ich den Körper nicht vom Leben dieser Frau trennen.
Ein Frauenkörper lebt in Beziehungen.
In kulturellen Erwartungen.
In einer Geschichte darüber, wie weibliche Körper aussehen, leisten, altern, begehren und verfügbar sein sollen.
Viele Frauen erleben einen Zyklus. Andere befinden sich in Perimenopause oder Menopause.
Manche leben mit chronischer Erschöpfung, Schmerzen oder anderen körperlichen Belastungen.
Und auch hier gilt:
Wir erklären nicht alles mit dem Nervensystem.
Wir erklären nicht alles mit Hormonen.
Wir hören zu.
Wir differenzieren.
Und wir wissen auch, wo die Grenzen unserer eigenen Kompetenz liegen.
Traumasensibilität beinhaltet für mich deshalb auch Demut.
Nicht alles ist unser Prozess.
Nicht alles braucht eine somatische Intervention.
Und nicht alles gehört in einen Coachingraum.
Bindung vor Technik
Du kannst die schönste somatische Übung der Welt kennen.
Wenn die Frau vor dir sich dabei nicht gesehen fühlt, ist die Technik nicht das Wichtigste im Raum.
Manchmal braucht es Orientierung.
Manchmal Bewegung.
Manchmal Worte.
Und manchmal braucht es jemanden, der eine Stille nicht sofort repariert.
Deshalb ist eines meiner wichtigsten Prinzipien in der Frauenbegleitung:
Bindung vor Technik.
Nicht als romantische Idee.
Als praktische Orientierung.
Kann ich noch wahrnehmen, wer vor mir sitzt?
Oder bin ich bereits damit beschäftigt, mein Konzept umzusetzen?
Eine gute somatische Ausbildung sollte dich nicht zu einer Kopie machen
Und hier liegt für mich noch etwas Entscheidendes.
Wenn du eine somatische Ausbildung machst, solltest du danach nicht einfach die Methoden deiner Ausbilderin reproduzieren können.
Du bringst bereits etwas mit.
Vielleicht bist du Coach.
Hebamme.
Yogalehrerin.
Psychologin.
Körperarbeiterin.
Beraterin.
Therapeutin.
Oder du arbeitest auf eine ganz andere Weise mit Frauen.
Somatische Arbeit darf sich mit deiner bestehenden Fachlichkeit verweben.
Du brauchst ein solides Fundament.
Du brauchst Praxis.
Du brauchst Feedback.
Du brauchst einen sicheren Rahmen, in dem du ausprobieren und Fehler machen darfst.
Und irgendwann brauchst du die Freiheit, daraus deine eigene Art zu begleiten entstehen zu lassen.
Wann Wissen zu Verkörperung wird
Irgendwann sitzt wieder eine Frau vor dir.
Sie wird still.
Und diesmal musst du nicht panisch überlegen:
Welche Technik war noch einmal für Freeze?
Du bemerkst ihre Veränderung.
Du bemerkst dich.
Du wirst vielleicht langsamer.
Du fragst.
Du wartest.
Du kannst eine Intervention anbieten, ohne an ihr festzuhalten.
Und wenn sie Nein sagt, ist dieses Nein kein Scheitern deiner Begleitung.
Vielleicht ist es sogar einer der wichtigsten Momente darin.
Das ist für mich somatische Kompetenz.
Nicht möglichst viele Techniken zu beherrschen.
Sondern Frauen so begleiten zu können, dass ihr Körper, ihre Geschichte, ihre Grenzen und ihre eigene Führung im Raum bleiben dürfen.
Female Somatics™ – die Ausbildung für Fachfrauen, die Frauen somatisch, traumasensibel und bindungsorientiert begleiten möchten.
Du lernst Nervensystemarbeit nicht nur theoretisch kennen. Du übst Raumhalten, entwickelst deine eigene somatische Kompetenz und integrierst die Arbeit in dein bestehendes Wirken.
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